Willkommen zu einer neuen Folge unseres Podcasts „Interview mit mir selbst“. Heute spreche ich mit Claudia Popov-Jenninger – Autorin, Lehrerin für Deutsch als Fremd-/Zweitsprache und Zeitzeugin zweier politischer Systeme. Wir reden über ihren Weg zum Schreiben, über Humor in schwierigen Zeiten und über ihr Buch „Puerta del Cielo – Himmelstor“. Viel Freude beim Zuhören.
C.: Du bist ja nicht mehr ganz jung, wenn ich das mal sagen darf, wann hast du angefangen zu schreiben? Ist „Puerta del Cielo“ dein erstes Werk?
PoJ: Ich verbitte mir Anspielungen auf mein Alter! Gefühlt bin ich höchstens 40! Wenn ich erst heute eine Veröffentlichung anstrebe, liegt das daran, dass die Rahmenbedingungen es vorher nicht zuließen.
C.: Was heißt das genau?
PoJ: Na ja, in der DDR, wo ich aufgewachsen bin, hätte ich mich dem sozialistischen Realismus beugen müssen. Und wir wissen ja, wie selbst die besten DDR-Schriftsteller sich gewissen Vorstellungen über den werktätigen Menschen im Ringen um die Produktion oder bei der Ernteschlacht unterwerfen mussten, um gedruckt zu werden. Darauf hatte ich keine Lust. Außerdem war ich damit beschäftigt, es bis zum Hochschulabschluss zu bringen. Das hat etwas gedauert.
C.: … weil du kein Arbeiterkind warst?
PoJ: Schlimmer: Die Tochter eines unangepassten Musikers!
C.: Du durftest kein Abitur machen, sondern musstest eine Lehre absolvieren.
PoJ.: Genau. Das war an der Universitätsbibliothek Leipzig. Ich dachte, da komme ich vielleicht an seltene Bücher ran.
C.: Und?
PoJ.: Ich habe in der Mittagspause die ersten Westausgaben von Rainer Kunze gelesen, die Dissertation von Erich Kästner, manchmal sogar Bücher aus dem „Giftschrank“. Ich wusste, wo die Gesamtausgabe von Siegmund Freud stand usw. Die Ausbildung war gar nicht verkehrt. Und als Universitätsangestellte konnte ich den „Zirkel schreibender Studenten“ besuchen. War lustig.
C.: Inwiefern?
PoJ.: Es war interessant, die waren ja alle älter als ich und studierten Philosophie, Sprachen, Geschichte usw. Einige waren wirklich gut. Und der Zirkelleiter war ein Absolvent des Literaturinstituts „Johannes R. Becher“, wie das damals hieß.
C.: Hast du in diesem Rahmen auch was vorgelesen oder nur zugehört?
PoJ.: Ich habe ganz furchtlos eine Geschichte über einen Mann gelesen, dessen Freundin bei einem Besuch im Westen geblieben ist. Das stand natürlich nur zwischen den Zeilen, haben trotzdem alle verstanden und mich sehr ermutigt weiterzuschreiben. Und dann habe ich die Gedichte eines „Freundes“ vorgelesen, Hans Jürgen Schmeißler.
C.: Nie gehört. Ich kenne nur Helmut Preißler von früher. Schrecklich!
PoJ.: Ganz genau. Das sind sozusagen Brüder im Geiste.
C.: Was???
PoJ.: Hans Jürgen Schmeißler war ein schreibender Arbeiter. Also eigentlich war das mein Pseudonym. Er war spezialisiert auf Festtagslyrik für die Höhepunkte des DDR-Lebens.
C.: Die da wären?
PoJ.: Der 1. Mai, der 7. Oktober (Gründung der DDR), die Jugendweihe, die Friedensfahrt, sowas halt.
C.: Klingt ja äußerst spannend. Ich denke, du wolltest dich dem sozialistischen Realismus nicht unterwerfen?!
PoJ.: Hab ich ja auch nicht. Ich habe zum eigenen Vergnügen den Stil dieses Typs DDR-Lyrik persifliert und bin in Veranstaltungen damit aufgetreten. Das Publikum war ergriffen.
C.: Wahrscheinlich hat sich einfach keiner getraut zu lachen!
PoJ.: Stimmt genau. Das war ja der Spaß dabei.
C.: Kein Wunder, dass du nicht studieren durftest. Aber das hast du dann doch noch geschafft.
PoJ.: Ja. Ich habe nach der Lehre zwei Jahre lang in einer privaten Musikalienhandlung gearbeitet (Die Leipziger wissen sicher, in welcher!) und an der Abendschule Abitur gemacht. In der Musikalienhandlung waren wir eine Truppe von Leuten, die alle ziemlich subversiv und kreativ waren. Wir haben viel voneinander gelernt und hatten einigen Spaß. Nach dem Abitur hat es dann drei Jahre gedauert, bis ich einen Studienplatz bekam. In dieser Zeit habe ich als Requisiteuse an den Leipziger Theatern gearbeitet. Zum Glück brauchten sie schon damals Lehrer und ließen mich doch noch Russisch und Deutsch studieren. Ich wollte nie Lehrerin an einer Schule werden, sondern war fest entschlossen, Hochschullehrerin zu werden.
C.: Und das hat ja auch geklappt.
PoJ.: Ja. Drei Jahre bis zur Promotion und viel später noch einmal sechs Jahre am Herder-Institut der Uni Leipzig.
C.: Das hätten wir also geklärt. Und wie bist du nun zum Schreiben gekommen?
PoJ.: Ich bin in einem Umfeld groß geworden, in dem alle Varietäten von der Mundart bis zur Literatursprache präsent waren und virtuos eingesetzt wurden. Alle wichtigen Menschen in meiner Umgebung schrieben. Ich eben auch. Nebenbei habe ich an meiner beruflichen Laufbahn gebastelt. Jetzt habe ich endlich Zeit und genug erlebt, worüber ich schreiben kann.
C.: Stimmt, du hast einiges von der Welt gesehen!
PoJ.: Ja. Ich habe sechs Jahre in Mexiko City gelebt und dort an der Deutschen Schule gearbeitet. In dieser Zeit haben wir auch Mittel- und Südamerika ganz gut kennen gelernt. Von 2020 bis 2023 war ich als Fachberaterin für Deutsch zuständig für St. Petersburg und die Region Russland Nordwest. Da habe ich den politischen Wandel in Russland aus nächster Nähe beobachten können. Bis man uns dort nicht mehr wollte. Also bin für die restliche Vertragszeit in die schöne Slowakei gewechselt.
C.: Noch eine Frage zu deinem Buch „Puerta del cielo - Himmelstor“. Worum geht es da?
PoJ.: Ich wollte in einer schwierigen Zeit voller objektiver Bedrohungen ein positives Buch schreiben, das dazu ermutigt, sich selbst treu zu bleiben und sich ein Umfeld zu schaffen, in dem das geht. In Mexiko hat mich immer fasziniert, wie fröhlich und flexibel die Leute waren, obwohl sie wenig Geld hatten und kaum irgendeine Form von Sicherheit. Das ist die eine Botschaft. Die andere ist an die Generation meiner Kinder gerichtet, die zwar in der DDR geboren sind, aber keine Erinnerung mehr daran haben. Für sie beschreibe ich das Leben bis zur Wende, wie ich es kennen gelernt habe. Die Story beruht auf wahren Begebenheiten aus verschiedenen Quellen, die ich zu einer Geschichte zusammengestrickt habe.
C.: Und wie ist die Story?
PoJ.: Es geht um einen Mann, der sich das Leben nimmt und vier erwachsene Kinder aus drei Beziehungen in Ost und West hinterlässt. Bei jeder Trennung bricht er alle Brücken hinter sich ab, sodass die vier Halbgeschwister sich erst anlässlich der Trauerfeier alle kennen lernen und dann Hypothesen zu den Gründen für seinen Freitod aufstellen. Aber so richtig weiß keiner was. Die wachsen alle vier unter sehr unterschiedlichen Bedingungen auf. Also eine in der Blütezeit der DDR bis Mitte der Achtziger Jahre, eine in der Wendezeit und die letzte im Westen. Enrico, der Hauptheld des Romans, der ist 1980 in den Westen abgehauen und hat sich eine Existenz in Mexiko aufgebaut. Der ist nun hin- und hergerissen zwischen seiner Jugendliebe Silvia und seiner mexikanischen Frau. Und auch für die drei Halbschwestern wird das Treffen unerwartet ein Wendepunkt im Leben.
C.: Man darf also gespannt sein! Vielen Dank für das Interview!